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John Cage: Atlas
Eclipticalis
Konzert am 9. September 2000
21.00 bis 22.00 Uhr
Künstlerhaus
Bethanien
Mariannenplatz 2 / Berlin-Kreuzberg
Ulrich Krieger, Tobias Rüger, Reimar Volker - Sopran-Saxophone
Volker Straebel - Live-Elektronik
Für Atlas Eclipticalis übertrug John Cage Sternenkarten auf
zufällig platzierte, transparente Notensysteme. Im Konzert ist so die
Zeit proportional zur horizontalen Entfernung und die Tonhöhe
proportional vertikalen Entfernung der Sterne voneinander. Es gibt kein
verbindliches Metrum, die Musiker spielen nach Stoppuhren. (Bei einer
Aufführung mit großer Besetzung zeigt der Dirigent die verstreichende
Zeit an, wobei er seine Arme wie den Sekundenzeiger einer Uhr bewegt.)
Ebenso gibt es keine feste Tonskala. Die weit gespreizten Notenlinien
dienen nur der Orientierung im Tonraum, die zwischen ihnen liegenden
Notenköpfe werden graphisch interpretiert und zeigen zumeist mikrotonale
Verhältnisse an. Die Lautstärke der einzelnen Töne ist proportional zur
Größe (also Helligkeit) der Sterne.
Nur die Dauern bestimmte Cage nach einem anderen Zufalls-Verfahren: dem
chinesischen Orakel-Buch I-Ging. Über jeder der zu einer Konstellation
zusammengefassten Tongruppen stehen zwei Zahlen, deren erste angibt, wie
viele Töne so kurz wie möglich zu spielen sind, die zweite Zahl
bestimmt, wie viele Töne "eine erkennbare" Dauer
("appraciable duration") haben. Fehlen die Zahlen, erscheinen
alle Klänge so kurz wie möglich, steht eine Fermate über der
Konstellation, haben alle Töne "eine gewisse" Dauer ("some
duration").
Da die meisten Töne sehr
leise gespielt werden sollen, entsteht für die Musiker dieser Aufführung
ein nicht wirklich zu lösender Konflikt: Die Sopran-Saxophone sprechen
bei leisen Klängen weniger schnell an als bei lauten. Deshalb werden die
Töne durch die instrumententechnischen Gegebenheit zum einen länger, zum
anderen treten beim gewöhnlichen Spiel vermiedene Ansatz- und
Luftgeräusche hinzu.
Atlas Eclipticalis besteht aus 86
Instrumental-Stimmen, die in jeder beliebigen Kombination von der Kammer-
bis zur Orchesterbesetzung gespielt werden können. Heute kommen die drei
Oboen-Stimmen in der vom Komponisten ausdrücklich vorgesehenen
Alternativbesetzung mit Saxophonen zur Aufführung. Wie von Cage in der
Partitur angegeben, folgt die Live-Elektronik einer Ausarbeitung seiner Cartridge
Music (1960) und bestimmt Verstärkung und Klang-Filterung der drei
Instrumente. Dabei geschieht Folgendes: Alle Saxophone werden mit kleinen
Klemmmikrophonen ausgestattet (Cage schreibt Kontaktmikrophone vor, die
bei Blasinstrumenten aus physikalischen Gründen jedoch nicht sinnvoll
sind). Über diese Mikrophone werden alle Klänge und Geräusche ohne
weitere Eingriffe abgenommen, verstärkt und über einen beim Musiker
platzierten Lautsprecher wiedergegeben. Außerdem wird gemäß Cartridge
Music jeweils ein Signal eines der drei Musikers unterschiedlich
gefiltert, verstärkt und über einen dem Musiker gegenüber aufgestellten
Lautsprecher abgestrahlt.
Durch die vielen Pausen der Einzelstimmen und der zeitlich wechselnden
Verstärkung des gefilterten Klanges kommt es sehr oft vor, dass keine
live-elektronische Veränderung zu hören ist. Mit den heutigen
technischen Möglichkeiten wäre es ein Leichtes, mehrere Stimmen von Cartridge
Music zu simulieren und so die live-elektronischen Veränderungen zu
verdichten. Im Sinne einer historischen Aufführungspraxis habe ich jedoch
davon Abstand genommen und verwende nur solches Equipment, das in
vergleichbarer Form bereits zur Entstehungszeit der Werke zur Verfügung
stand.
Außerdem kommt dieses Filtern und Verstärken nicht gespielter Klänge,
also von Stille, der ästhetischen Grundhaltung der Komposition entgegen.
In unserer Fassung ergeben sich bis zu drei Minuten lange Pausen, die
gewissermaßen den Raum zwischen den Sternen ausloten. Diese Stille ebenso
klingen zu lassen wie die akustischen Ereignisse entspricht der
transzendentalistischen Vorstellung vom – nicht immer hörbaren –
Schwingen der Natur.
Volker Straebel
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